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Aktualisiert: 17:06 | 25. July 2019

München: Stadtrat stolpert über Stolpersteine

  • geschrieben von Susanne Hagel
  • Freigegeben in Politik
"Wir gedenken der deportierten  jüdischen Mitbürger Schonungens" Quelle: alemannia-judaica.de "Wir gedenken der deportierten jüdischen Mitbürger Schonungens"

München - Der neue Stadtrat von München stößt erneut die Debatte um die an die Deportation erinnernden Stolpersteine an - gegen den Willen führender Juden der Stadt.

In vielen Städten Deutschlands gehören sie mittlerweile zum festen Bild unserer Gehwege: zehn mal zehn Zentimeter große, messingglänzende Tafeln, die in den Gehweg vor den Häusern eingelassen sind, in denen einst Juden lebten, die in der NS-Zeit ermordet worden. Fast 50.000 Stolpersteine gibt es bereits in ganz Europa, allein Berlin hat über 6.000 der kleinen Gedenktafeln. In München wurden sie 2004 verboten - nicht etwa, weil sich die Stadt, in der einst Hitlers Aufstieg begann, noch immer gegen ein Erinnern an ein schwarzes Kapitel der Vergangenheit wehrt, sondern weil sich führende Juden der Stadt gegen die Pläne stellten. Der damalige Stadtrat unter Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) beugte sich deren Willen und ließ 2004 die Stolpersteine verbieten. Zu leicht seien sie zu schänden, Fußgänger trampelten darüber und machten so das würdige Gedenken zu einer Farce, so die Argumente von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde und Münchner Ehrenbürgerin, deren Einstellung man respektieren wolle, hieß es damals. Nun hat der neue Stadtrat unter dem Drängen der SPD das Thema erneut auf die Liste gesetzt und neuerlich eine hitzige Debatte losgetreten.

Neben Amelie Fried, Fernsehmoderatorin, ist es vor allem Isabell Zacharias, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, die sich für die Einführung der Stolpersteine, wie in bereits 650 deutschen Städten und Gemeinden, auch in München stark machen. "Warum ist es in unserer Stadt nicht möglich, was überall sonst eine schöne und würdige, sogar populäre Übung der Erinnerung an Nazi-Opfer geworden ist? Warum darf es in München nicht jene Stolpersteine geben, die der Vertriebenen und Ermordeten mit einer kleinen Messingplatte auf dem Gehweg vor dem Haus gedenken, in dem sie einst wohnten?", fragen die beiden. Sie fordern die Einführung der Gedenktafeln, die der Künstler Gunter Demnig erfand, auch für die bayrische Landeshauptstadt. Als "absurd" bezeichnet Charlotte Knobloch das neuerliche Aufflammen der Debatte. "Die Anhörung zum Thema ist ein würdeloses Schauspiel", so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Die 81-Jährige, die die Gemeinde seit dreißig Jahren leitet, werde "auf keinen Fall mitmachen" und zulassen, "dass dort die Namen von Holocaustopfern zu Füßen der Menschen angebracht werden", erklärt sie empört. Die Debatte werde "mit gehöriger verbaler Aggressivität vorangetrieben", bedauerte Knobloch. Ihrer Meinung nach könne auf dem Boden "kein würdiges Gedenken stattfinden. Die Steine werden bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt." Vielmehr müsse mit dem Vermächtnis der Opfer so umzugehen sein, "dass die Erinnerung zu Erkenntnissen führt, die das heutige Denken und Handeln bestimmen". Als "ein Gedenken, das sich klärt und den Fokus auf die Zukunft lenkt. Beides ist bei den Steinen nicht der Fall", mahnt sie. Die Steine würden "vor allem einem Wunsch nach selbstgerechter Rührung entgegenkommen", nichts würde geklärt. Stattdessen könnten sich die Stifter als guter, schön geläuterter Deutscher fühlen. Auch der Vertreter der jüdischen Mehrheitsgemeinde, der Finanzvorstand Abi Pitum, teilt ihre Ablehnung gegen die Stolpersteine. Er und viele andere in der Israelitischen Kultusgemeinde hätten vor allem "die Angst vor einem Zuviel des Gedenkens". Man müsse den Blick doch in die Gegenwart richten und die Vergangenheit hinter sich lassen. Stattdessen freute er sich über das Erstarken der jüdische Gemeinde in München.

Nicht nur in München ist man uneins über das überall präsente Gedenken mittels der kleinen Messingtafeln. Auch in Hamburg kritisierte jüngst Daniel Killy, Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, in der "Jüdischen Allgemeinen" das Geschäft mit dem Gedenken. "Für mich sind sie zu einer moralischen Stolperfalle geworden." Längst seien die Stolpersteine zu einem Millionengeschäft geworden. Dem Künstler Gunter Demnig warf er vor, sich damit einen "politisch korrekt ummantelten Businessplan" geschaffen zu haben. "Millionenumsätze mit den Opfern des millionenfachen Mordens", so urteilt Killy scharf. "Das Erinnern sollte nicht von Leuten, die nur ihr eigenes Süppchen kochen, monopolisiert werden." Jeder individuell beschriftete Stein kostet 120 Euro. 4755 Steine liegen bereits in Hamburg. 6000 in Berlin.

Die Steine werden auch gegen den Willen der Hausbesitzer gesetzt. Wenn "Angehörige uns um Stolpersteine bitten und Menschen bereit sind, Patenschaften zu übernehmen", klage man bei der Stadt notfalls eine Genehmigung ein, auf öffentlichen Gehwegen Steine verlegen zu dürfen, so Peter Hess, der die Steine vor zwölf Jahren in Hamburg einführte.

Letzte Änderung amDienstag, 11 November 2014 18:32
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